„Ich wurde hinterrücks ermordet“


Ötzi-Darsteller Peter Schorn sitzt hier im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen.

Ötzi-Darsteller Peter Schorn sitzt hier im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen.

Er starb vor 5300 Jahren. Und trotzdem ist er einer der berühmtesten Südtiroler. Ötzi, die Gletschermumie, gefunden 1991 in den Bergen des Vinschgaus, lockt scharenweise Touristen an und lässt die Herzen der Forscher höherschlagen. Tausende Fragen haben die Wissenschaftler an den gefrorenen Körper gerichtet. Ötzi hat geantwortet. In Knochen- und Weichteilproben, DNA- und Zahnschmelz-Analysen, Darmspiegelungen und Röntgenbildern. Seine Geschichten sind spannender als ein Krimi und aufschlussreicher als eine Doktorarbeit. Gespräch mit einem Mann aus der Kupferzeit.

Sie wurden vor gut 20 Jahren im italienisch-österreichischen Grenzgebiet auf 3210 Metern Höhe gefunden. Fühlen Sie sich als Österreicher oder Italiener?
Ötzi: Den Unterschied gab es bei uns nicht. Ich bin im Eisacktal aufgewachsen. Das ist meine Heimat.

Das deckt sich mit den Analysen Ihres Zahnschmelzes. Dieser speichert Mineralien, die man im Alter von bis zu fünf Jahren mit dem Wasser aufnimmt. Demnach haben Sie Ihre Kindheit in der Nähe der heutigen Stadt Brixen verbracht.
Ja, ich bin Südtiroler. Im Leben wie im Tod. Auch wenn es da Irritationen gab. Kurz nachdem ich aufgetaucht bin, hat man die Grenze zwischen Österreich und Italien genau nachgemessen, um festzustellen, wo ich hingehöre. Ich bin gut 92 Meter von der Staatsgrenze entfernt auf Südtiroler Boden gefunden worden.

Wie gefällt Ihnen eigentlich Ihr Name „Ötzi“?
Besser als mein offizieller: „Mann aus dem Eis“. Den hat mir die Südtiroler Landesregierung verpasst. Ötzi ist mir aber lieber. Ein Journalist hat den Namen erfunden, weil mein Fundort in den Ötztaler Alpen liegt.

Als Erwachsener hielten Sie sich vor allem im Vinschgau auf. Das haben Wissenschaftler aus einer Analyse Ihrer Knochen abgeleitet. Als man Sie fand, hielt man Sie aber zuerst für einen verunglückten Bergsteiger.
Reinhold Messner kam an die Bergungsstelle. Als er mein Kupferbeil sah, schätzte er mich auf bis zu 3000 Jahre. Ein Journalist hielt das für übertrieben und handelte ihn auf 500 Jahre herunter. Dabei bin ich bereits 5300 Jahre tot.

Als Sie durch die Alpen zogen, gab es die Pyramiden von Gizeh noch nicht. Und der Pharao Tutanchamun war noch nicht geboren. Den Herrn kenne ich nicht.

Er ist auch eine Mumie, lebte ungefähr 2000 Jahre später, viel weiter südlich. Aber zurück zu Ihnen: Was sind die größten Unterschiede zwischen den Menschen in Ihrer Zeit und heute? Zwischen euch und mir liegen etwa 250 Generationen. Für die Evolution ist das nur ein Wimpernschlag. Klar, ihr habt heute eine Menge Technik: Flugzeuge, Computer, Handys. Aber die Gemeinsamkeiten überwiegen. Wir haben ähnliche Nahrungsmittel gegessen wie ihr: Brot, Fleisch und Pilze. Und wir haben an denselben Krankheiten gelitten.

Dr. Eduard Egarter Vigl ist für die Konservierung des Ötzi im Archäologiemuseum von Bozen verantwortlich.

Dr. Eduard Egarter Vigl ist für die Konservierung des Ötzi im Archäologiemuseum von Bozen verantwortlich.

An welchen?
Ich hatte Schmerzen in der Hüfte und in der Schulter. Arthrose, sagt mein Leibarzt Dr. Eduard Egarter Vigl. Schlimm war es im rechten Knie, wo der Meniskus hinüber ist. Karies hatte ich auch. Und man hat eine Verkalkung meiner Arterien festgestellt.

Arteriosklerose gilt bei uns als Wohlstandskrankheit, die durch übermäßigen Genuss von tierischen Fetten hervorgerufen wird.
Wohlstandskrankheit? Sehr witzig. Wir haben auch viel Fleisch gegessen. Steinbock und Hirsch zum Beispiel. Man hat Reste davon in meinem Magen und Darm gefunden, auch zahlreiche Fettklumpen. Tierisches Fett war für uns sehr wichtig, um den Energiebedarf zu decken.

Die Untersuchung Ihres Magen-Darm-Trakts hat viele Rätsel gelöst. Jetzt wollen Wissenschaftler herausfinden, ob Sie den Helicobacter pylori hatten.
Helikopter? Mit dem bin ich doch nach meiner Bergung ins Tal geflogen worden.

Nein, Helicobacter, ein Magen-Bakterium, das Geschwüre erzeugt. Wenn man es bei Ihnen fände, wäre das eine Sensation. Es gibt eine Theorie, die besagt, der Keim habe früher allen Menschen bei der Verdauung geholfen und führe erst durch die Veränderung unserer Ernährung zu Krankheiten.
Ein Keim im Magen? Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, dass ich oft Durchfall und Bauchkrämpfe hatte.

Das lag wohl eher am Peitschenwurm, einem Parasiten, dessen Eier man ebenfalls in Ihrem Darm fand. Flöhe hatten Sie übrigens auch.
Das war bei uns völlig normal. Wir lebten immer draußen und waren dauernd mit Tieren in Kontakt. Man versucht heute, jeden Keim von meinem toten Körper fernzuhalten, um ihn nicht zu gefährden. Zu Lebzeiten hab ich mehr ausgehalten.

Sie waren ein sportlicher Typ, oder?
Ich war drahtig, zäh, feingliedrig. Ein Bergläufer. Die grobschlächtige Figur, die man im Bozner Museum von mir angefertigt hat, gibt das nicht gut wieder. Ich wog doch nur 50 Kilo.

50 Kilo bei einer Größe von 1,60 Metern: Das ergibt einen Body-Mass-Index von knapp 20 – Respekt!
Keine Ahnung, was Sie da ausrechnen. Aber im Gebirge habe ich so manchen Jungspund abgehängt.

Sie waren zwischen 40 und 50 Jahre alt – nicht schlecht für einen Menschen aus der Kupferzeit.
An mein genaues Alter kann ich mich nicht erinnern. Aber sie haben ein Stück aus meinem Oberschenkelknochen herausgebohrt und ähnlich wie bei den Jahresringen eines Baumstamms auf mein Lebensalter geschlossen. Ich war etwa Mitte 40, als ich starb. Damit gehörte ich zu den Ältesten.

Prof. Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumien an der Europäischen Akademie (Eurac) in Bozen

Prof. Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumien an der Europäischen Akademie (Eurac) in Bozen

In Ihren Augenhöhlen hat man Reste Ihrer vertrockneten Augäpfel gefunden. Lange hieß es, Sie hätten blaue Augen.
Unsinn. Die waren braun.

Albert Zink hat das jetzt bestätigt. Er untersucht Ihre DNA, also Ihr Erbgut. Er will wissen, ob Sie Anlagen für Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes in sich trugen.
Und was bringt das?

Je mehr man über diese Krankheiten weiß, desto besser lassen sie sich behandeln. Die Medizin verdankt Ihnen aber noch andere Fortschritte. Können Sie sich noch daran erinnern, dass eine CT-Untersuchung bei Ihnen durchgeführt wurde?
Sie meinen dieses Gerät, mit dem mein Inneres aufgenommen wurde.

Prof. Michael Rasse

Prof. Michael Rasse

Genau. Um Ihr Gesicht zu rekonstruieren und mögliche Kopfverletzungen festzustellen, hat man ein Modell Ihres Schädels angefertigt. Dazu hat ein Computer die Daten zu einem 3-D-Bild zusammengesetzt und ein Laserstrahl die Form dann in flüssigem Acrylharz ausgehärtet. Inzwischen wird diese Technologie bei schwierigen Kopfoperationen eingesetzt.
Wirklich?

Ja. An der Universitätsklinik in Innsbruck operiert Professor Michael Rasse Menschen, die durch Tumore, Fehlbildungen oder Unfälle starke Deformationen im Schädel- oder Kieferbereich haben. Manchmal sind da handtellergroße Knochenpartien zerstört.
Das überlebt doch keiner.

Dr. Wolfgang Recheis

Dr. Wolfgang Recheis

Doch. Der Physiker Wolfgang Recheis fertigt Schädelmodelle dieser Patienten an. Daran können die Ärzte die Schnittlinien der Operation festlegen und die Implantate aus Titan exakt anpassen. Die Chancen auf eine erfolgreiche Operation steigen so enorm. Auf die Idee ist man durch Ihr Modell gekommen. Allein in Innsbruck werden jährlich mehr als 100 Patienten auf diese Weise operiert.
Eure Heiler scheinen weise Männer zu sein. Angenommen, es hätte diese Ärzte früher schon gegeben: Hätten sie mir das Leben retten können?

Kaum. Sie wurden ermordet. Durch einen Pfeilschuss sind Sie innerhalb von Minuten verblutet. Aber um Ihre Todesumstände ranken sich nach wie vor Gerüchte und Vermutungen. Können Sie bei der Aufklärung helfen?
Meine Erinnerung ist verschwommen. Ich bin aufs Tisenjoch gestiegen. Oben wollte ich eine Pause machen. In einer geschützten Mulde mit meterhohen Felsen am Rand. Ich habe etwas gegessen. Plötzlich traf mich von hinten ein Pfeil. Meine Schulter brannte wie Feuer, es war entsetzlich. Ich stürzte. Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Ihr Leibarzt Professor Vigl sagt, der Pfeil sei sechs Zentimeter tief eingedrungen. Ein Schuss durch das linke Schulterblatt. Die Pfeilspitze, die noch in Ihrer Schulter steckt, hat die Arteria subclavia auf einer Länge von mehr als einem Zentimeter aufgerissen. Das ist die große Schlagader, über die das Herz Blut in den Arm pumpt. Sie müssen unglaublich viel Blut verloren haben.
Ich kann mich nicht erinnern. Mir wurde schwarz vor Augen.

Sie erlitten zudem eine Gehirnblutung. Wahrscheinlich sind Sie hingefallen, und Ihr Kopf schlug auf einen Stein. Oder der Mörder hat mit einem Knüppel auf Sie eingeschlagen. Das Kuriose ist, dass Sie nicht beraubt wurden. Ihr Kupferbeil lag noch neben Ihnen. Wissen Sie, wer Sie getötet hat?
Nein, ich wurde hinterrücks ermordet. Vom Tal ist mir keiner gefolgt. Das konnte ich sehen. Der Schuss kam aber von der Bergseite, wo man sich gut verstecken konnte. Ich habe nicht damit gerechnet, dass dort oben jemand lauert.

Gab es Streit, bevor Sie aufbrachen?
Neider und Feinde hatte ich genug. Ein Kupferbeil wie meines konnten sich nur wenige leisten. Zoff gab es immer mal, meine Zeitgenossen waren nicht zimperlich.

Dass Sie vor Ihrem Tod Stress hatten, zeigt Ihr Fingernagel. Er weist Beau-Reil-Furchen auf. Das sind Wachstumsstörungen, die beweisen, dass Ihr Immunsystem einige Wochen vor Ihrem Tod gelitten hat.
Was ihr alles wisst. Stimmt schon, die Streitigkeiten spitzten sich zu. Ein paar Tage vor meinem Tod habe ich mir bei einem Kampf die rechte Hand verletzt. Zwischen Daumen und Zeigefinger klaffte eine tiefe Wunde. Ich wollte mich erst mal aus dem Staub machen. Dann haben mich die Häscher da oben erwischt, diese unheilige Brut. Ich würde ihnen am liebsten den Hals umdrehen.

Das könnte schwierig werden. Von denen ist wahrscheinlich weit weniger übrig als von Ihnen. Wissen Sie, warum Sie so gut erhalten sind?
Nach meinem Tod hat es geschneit. In der trockenen, windigen Luft wurde ich quasi gefriergetrocknet. Die Sonne konnte ihr zerstörerisches Werk der Zersetzung nicht in Gang setzen, und die Aasfresser haben mich nicht entdeckt. Später war ich vom Eis bedeckt.

Nachdem man Sie gefunden hatte, kamen Sie zuerst nach Innsbruck. Dort hat man sich den Kopf darüber zerbrochen, wie Sie vor der Verwesung geschützt werden könnten. Der Anatomie-Professor Karl-Heinz Künzel erinnert sich noch an den Geruch von ranzigem Speck, den Sie verströmten.
Ich bitte Sie! Nach so langer Zeit würden Sie auch nicht nach Rosen duften. In Innsbruck packten sie mich in Crash-Eis. Nur konnten mich die Menschen so nicht besichtigen. Deshalb wurde ich im Archäologiemuseum in Bozen in eine Kühlzelle mit Fenster gesteckt. Hier herrschen immer minus sechs Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit. Alle paar Wochen werde ich mit sterilem Wasser besprüht, damit ich nicht austrockne. Das erinnert mich daran, dass wir das Interview jetzt beenden müssen. Ich muss zurück in die Eiszelle, mir wird warm.

Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen weitere 5000 Jahre auf diesem Planeten.

Anmerkung: Alle Informationen des Interviews stammen von Wissenschaftlern, die Ötzi untersucht haben oder die Forschungsergebnisse in der Praxis anwenden.

Text: Tobias Aigner

Fotos: Daniel Delang

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