Herzen voll Nutella


Ladin-Pop statt Latin Pop: Die drei Sängerinnen von Ganes machen leichtfüßige Musik in einer vom Aussterben bedrohten Sprache

Hüttenmusik: Maria an der Gitarre, an der Geige Elisabeth und in der Mitte deren Schwester Marlene.

Hüttenmusik: Maria an der Gitarre, an der Geige Elisabeth und in der Mitte deren Schwester Marlene.

Wenn Elisabeth, Marlene und Maria die Bühne betreten, dann nur mit dieser anmutigen Begleiterin, von der die Leute sagen, sie sei dem Tode nahe. Sie ist dabei, wenn die drei Sängerinnen der Band Ganes zu Beginn jedes Konzerts dreistimmig in die Mikrofone hauchen. Sie tanzt im Rhythmus der Musik und ist an ihrer Seite, wenn sie nach der letzten Zugabe dem Publikum danken: „Giulan, gran giulan“ – „Danke, vielen Dank.“
Elisabeth und Marlene Schuen und Maria Moling singen auf Ladinisch, das zu den rätoromanischen Sprachen zählt, die früher zwischen Donau und Triest gesprochen wurden. Das Ladinische hat nur in einigen einst schwer zugänglichen Tälern in Norditalien überlebt und ist heute vom Aussterben bedroht. Nur noch rund 20 000 Menschen im Gadertal, Grödner Tal, Fassatal, in Livinallongo und Cortina d’Ampezzo verwenden sie im Alltag. Gäben Ganes im Münchner Olympiastadion ein Konzert nur für Ladiner und würde jeder kommen – zwei Drittel der Sitze blieben trotzdem leer.
Das Kulturhaus in La Ila (die deutschsprachigen Südtiroler nennen den Ort Stern, die italienischen La Villa) ist an diesem Samstagabend voll besetzt. Junge Erwachsene, aber auch viele Kinder und ältere Menschen haben sich auf die Klappsitze gezwängt. Ganes sind durch Deutschland, Österreich und die Schweiz getourt, in Kopenhagen, Venedig und vor dem Brandenburger Tor aufgetreten. Doch in ihrer Heimat, dem Gadertal, haben sie noch nie ein Konzert gegeben. Bis jetzt. In der kleinen Garderobe hinter der Bühne zieht Marlene zum dritten Mal den Lidstrich nach, ihre Schwester Elisabeth läuft leise singend im Gang auf und ab. Maria fährt sich mit dem Puderpinsel übers Gesicht. So ein Heimspiel kann ganz schön Angst machen. „Bei ‚Ma pur te‘ werden sich alle fragen: Aha, wen hat denn die Marlene damit gemeint?“, sagt Elisabeth albernd und schiebt die Autorin des Liebeslieds („Nur für dich“) vom Spiegel weg. Früher sind die Schwestern mit Eltern und Bruder oft als Volksmusikquintett aufgetreten, in Tracht und vor Touristen. Jetzt stehen sie mit eigenen Liedern auf der Bühne: Ethno-Pop statt Ländler, schulterfreies Top statt Dirndl. Große-weite-Welt-Musik im kleinen Tal.

Fanesgruppe, Heimat der Ganesgruppe: Die Conturinesspitze ist mit 3064 Metern der zweithöchste Berg des Naturparks Fanes-Sennes-Prags.

Fanesgruppe, Heimat der Ganesgruppe: Die Conturinesspitze ist mit 3064 Metern der zweithöchste Berg des Naturparks Fanes-Sennes-Prags.

Als die drei wenige Minuten später mit leichten Schritten die Bühne betreten, verfolgen sie neugierige, auch skeptische Blicke. Bisher ist hier noch niemand auf die Idee gekommen, auf Ladinisch – und begleitet von Keyboard, E-Gitarre und Bass – über fehlenden Raum zum Atmen zu singen oder die Unlust, morgens aufzustehen. Und warum kommen die drei eigentlich nicht zurück nach Hause wie die anderen, die zum Studieren weggegangen sind?
Wenn sie nicht auf Tour sind, wohnen Maria und Marlene in München, Elisabeth lebt in Salzburg. Die Offenheit dort brauchen sie für ihre Musik. Neben urbanen Rhythmen finden sich in ihren Liedern auch, etwas versteckt, Elemente aus der Volksmusik: drei gleichberechtigte Gesangsstimmen, einfache, klare Harmonien und oft wiederholte Refrains. Marlene und Elisabeth greifen immer wieder zur Geige, Maria spielt Gitarre oder Schlagzeug. „Cité o munts, sides l’un co l’alter alda pro me“, werden sie später singen. „Stadt und Berge, beide gehören zu mir.“ Ihre Lieder, die anschmiegsam und eigenwillig zugleich klingen, verfehlen in La Ila nicht ihre Wirkung. Beim zweiten Stück gibt es Zwischenapplaus, nach dem dritten begeisterte Pfiffe. Deutschsprachige Zuhörer verstehen höchstens einzelne Wörter, etwa wenn von „cör de nutela, massëdles d’mortadela“ die Rede ist, einem Herzen aus Nutella und Wangen aus Mortadella. Zwischen den Stücken erklären die drei kurz, worum es geht, für den Rest vertrauen sie auf die Wirkung der Musik und der ladinischen Sprachmelodie. Kurze Wörter, viele Vokale und sch-Laute lassen die Texte so warm und weich klingen, als entstammten sie einer schwyzerisch-portugiesischen Feensprache. Das Zusammenspiel von moderner Musik und alter Sprache ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Angesichts weltweiter YouTube-Konkurrenz ist Gesang in einer wohltönenden Regionalsprache ein Alleinstellungsmerkmal: Ladin-Pop statt Latin Pop. Und für die Ladiner ist es ein Zeichen, dass man auch mit einer jahrhundertealten Bergbauernsprache sehr lässig wirken kann. Denn Ganes singen kein Requiem für ein siechendes Idiom, sondern leichtfüßige Zukunftsmusik. „Es ist die Sprache, in der wir denken und uns am besten ausdrücken können“, erklärt Marlene hinter der Bühne. Deutsch und Italienisch haben sie erst in der Schule gelernt. Dort wird abwechselnd in den Fremdsprachen unterrichtet, in der Hoffnung, dass keine die Oberhand über das Ladinische gewinnt.


Begonnen hat alles im Wohnzimmer der Schuens, in einem alten Bauernhaus in La Val (deutsch Wengen, italienisch La Valle), am Ende eines Seitenarms des Gadertals. Zwischen Ofenbank und Herrgottswinkel lernen Marlene und Elisabeth Blockflöte und dass Musik zum Leben dazugehört. Die Mutter singt mit ihnen, der Vater, Kapellmeister und Lehrer für Steirische Harmonika, drückt ihnen im Alter von sieben Jahren eine Geige in die Hand. Maria, deren Eltern einen Bauernhof bewirtschaften, lernt Gitarre und Klavier, studiert später Schlagzeug.
Dass die drei Frauen als Band zusammengefunden haben, verdanken sie dem österreichischen Musiker Hubert von Goisern. Marlene war nach ihrem Studium (erst Geige, dann Gospel- und Jazzgesang) mit ihm auf Tour, als er für sein nächstes Projekt eine weitere Backgroundsängerin suchte. Ihr fallen zwei ein: Elisabeth, die gerade ihr Gesangsstudium am Mozarteum in Salzburg beendet, und Maria, Studentin für Jazz-Schlagzeug in Klagenfurt. Also geht von Goisern 2007 und 2008 mit drei Ladinerinnen auf Linz-Europa-Tour. Während sie auf einem Schiff Donau, Main und Rhein entlangfahren, um bei jedem Landgang Musiker für Konzerte zu treffen, singen Elisabeth, Marlene und Maria immer wieder in ihrer Muttersprache. Hage Hein, von Goiserns Manager, ist begeistert. Er gibt ihnen den letzten Schubs. Nach der Tour setzen sie sich hin und bringen ihre Ideen zu Papier. 2009 nehmen sie die erste CD auf.
Benannt haben sich Ganes nach den geheimnisvollen Wasserfrauen aus den Dolomitensagen – weder harmoniebedürftige Feen noch böse Hexen, sondern Gestalten mit übernatürlichen Kräften und eigenem Kopf. So eine Gana lässt schon mal einen Wasserquell versiegen, wenn der profitierende Bauer sich einer anderen Frau zuwendet. Die Geschichten der Ganes haben die drei als Kinder gehört, ihr frecher Geist hat ihnen jahrelang unbemerkt ins Ohr geflüstert. Hinter dem Haus der Schuens murmelt Tag und Nacht der Rü dla Gana, der Ganes-Bach. Weiter talabwärts fließt er an Marias Elternhaus vorbei. Wenn es ihnen in der Stadt zu viel wird, ziehen sich die drei für ein paar Tage zum Komponieren in eine Blockhütte auf der Hochebene Armentara zurück. Drei mal vier Schritte groß ist ihr Refugium. Zwei Stockbetten, Tisch mit Eckbank, Ofen – und ein atemberaubender Blick auf die Steilwand der Kreuzkofelgruppe.
Das Heimspiel in La Ila haben sie am Ende gewonnen. Sogar der Landesrat für ladinische Kultur lockert die Krawatte und tanzt zum Gute-Laune-Song „Al é bun sciöch’al é“ („Es ist gut, so wie es ist“). Nach den Zugaben schicken Elisabeth, Marlene und Maria die Band von der Bühne, stellen sich um ein Mikrofon und stimmen ein Volkslied an: „Bel lingaz dla uma cara …“ Das Publikum fällt ein: „… tan bun sona nosc ladin.“ Es ist kein stolzes Grölen, sondern andächtiger, vielstimmiger Gesang. „Schöne Muttersprache, wie gut klingt für uns das Ladinische.“ Noch immer steht die totgesagte Begleiterin der Ganes auf der Bühne. Mit roten Wangen und einem stolzen Lächeln.

Text: Lilith Volkert

Fotos: Simon Koy

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