Schloss mit lustig 4. Akt


Martin Markertschlüpft als Musical-Darsteller in die Rolle des Märchenkönigs

Martin Markert schlüpft als Musicaldarsteller in die Rolle des Märchenkönigs

4. Akt
Ein ewig Rätsel
Torbau
Markus Richter, Lechbruck, 39 Jahre

Der Torbau ist das älteste Haus auf dem Gelände. Es wurde 1873 fertiggestellt. Ein massiver Holztisch und ein paar Stühle stehen auf einem Teppich mit Drachenmuster, einem der wenigen erhaltenen im Schloss. Neben dem früheren Besprechungszimmer liegt ein Schlafzimmer mit Holzbett und grünem Kachelofen, wie man ihn aus Omas Wohnzimmer kennt. Hier erzählt Markus Richter seine Geschichte von Ludwig II. Er ist seit sieben Jahren Kastellan in Neuschwanstein, also so etwas wie ein Burgherr, auf jeden Fall ein führender Verwaltungsangestellter. Fünf Jahre lebte er in einem Seitenflügel des Schlosses, wo er nachts immer wieder dumpfe Schläge vernahm, weil sich das Holz dehnte.

Markus Richter: Der Kini verbrachte nur 172 Tage auf Neuschwanstein. Am liebsten saß er auf dem Balkon des Torbaus. Von dort aus beobachtete er das Wachsen seines Schlosses. Richter zeigt auf das weiß strahlende Neuschwanstein. Es ist ein mühsamer Prozess herauszufinden, wer Ludwig wirklich war. Die Archive, in denen wahres Wissen liegen könnte, wurden von der Familie Wittelsbach bis heute nicht geöffnet. Ludwig wurde früh von seiner Familie getrennt und von Beamten erzogen. Er spielte nicht mit anderen Kindern und bekam nur das Nötigste zu essen. Nach dem Tod seines Vaters, König Maximilians II., wurde er mit 18 Jahren König von Bayern. Die Regierungsgeschäfte waren nicht seine Welt. Er liebte die Kunst und verehrte Wagner, seit er dessen Oper „Lohengrin“ gesehen hatte.

Mit Neuschwanstein wollte Ludwig seine Träume bauen. Endlich eine Welt schaffen, in der er sich wohlfühlt. Eigentlich ist es ja ein riesiges Bilderbuch aus Stein. Nach 15 Jahren Bauzeit waren die ersten Prunkräume zum Beziehen fertig. Bis zu seinem Tod stand erst die Hälfte des Schlosses. Wirklich schlimm war für Ludwig, dass es im Sängersaal zu seinen Lebzeiten still blieb. Obwohl er ihn extra für Wagner hatte bauen lassen. Ludwig zog sich im Laufe seines Lebens immer mehr zurück. Er lebte nachts und schlief tagsüber. Seine Verlobung mit Sisis Schwester Sophia löste er angeblich aus Angst. Es soll Briefe von Ludwig geben, die seine Homosexualität beweisen. Bis heute weiß man nicht, für wen sein Herz schlug. Er wurde depressiv. Aber nicht geisteskrank: Das damalige Gutachten, das ihn für geisteskrank und deswegen regierungsunfähig erklärte, wurde ohne richterlichen Beschluss erlassen, das kam einem Staatsstreich gleich. Bayerns Regierung wollte ihn vom Thron haben, weil er so viel Geld ausgegeben hatte, allein 6,2 Millionen Goldmark für das Schloss Neuschwanstein. Und weil seine Lebensweise nicht königskonform war. Prinz Luitpold von Bayern übernahm dann die Regentschaft. Ludwig wurde in Schloss Berg interniert, wo er kurz darauf im Starnberger See ertrunken ist. So die offizielle Darstellung. Ich beteilige mich ungern an den Spekulationen über seinen Tod. Ludwig sagte: „Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen.“ Das hat er dann ja auch geschafft, oder?

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