Schloss mit lustig 1. Akt


Ludwig II. baute auf einem Felsen im Ostallgäu sein Traumhaus, lebte 172 Tage darin, starb und ist seither ebenso ein Mythos wie Neuschwanstein. Wie der Kini war, lassen wir Einheimische und Touristen erzählen – ein Historienspiel in fünf Akten


Wo Schneewittchen und Rapunzel wohnen
Vor dem Schloss, Ostseite
Kumi Okagaki, Tokio, 29 Jahre — Yumi Hosoda, Tochigi-Ken, 37 Jahreein unbekannter Vater – Kenji Hosoda, Tochigi-Ken, 37 JahreLisa Rothmayer, Deggendorf, 17 Jahre — Tomomi Okuda, Mie-Ken, 31 JahreSieglinde Leipold, Würzburg, 65 Jahre — Isabel Dürr, Stuttgart, 7 Jahre
Paul Bucholz, Warschau, 55 Jahre — Robert Loveless, Kansas, 50 Jahre

Die ersten Busse fahren vor. Eine japanische Reisegruppe steigt aus, einige spannen einen Regenschirm auf. Die Sonne brennt. Die Pferde sind schon vor die Kutschen gespannt. An einem solchen Sommertag kommen bis zu 10 000 Besucher, die alle auf den Felssockel hochwollen. Nur wenige gehen den rund 800 Meter langen Aufstieg zu Fuß. Die ersten Schlangen bilden sich an der Kasse, wo die Vorfreude auf den Besuch in der Traumwelt wächst. Ein Chor von Italienerinnen: Favoloso! Fantastico! Fenomenale! Bellissimo! Mamma mia!

Kumi Okagaki: Ich möchte nicht die Realität sehen, sondern ein traumgleiches Märchenschloss. Sie überlegt. Alle Japaner kennen Neuschwanstein aus „Cinderella“.
Yumi Hosoda: Neuschwanstein ist aber viel größer als das Schloss von Aschenputtel. Ein Vater zu seinen zwei Kindern: Im rechten Turm wohnt Schneewittchen, im linken Rapunzel.
Kenji Hosoda: Die Türme vom Neuschwanstein verkörpern für mich die typisch deutsche Architektur.
Lisa Rothmayer: Ich würde gern auf dem Schloss heiraten. Die 17-Jährige schaut ihren Freund an. Das ist doch möglich, oder?
Tomomi Okuda: Ich will im Himmelbett von Ludwig schlafen.
Sieglinde Leipold: Wenn ich dürfte, würde ich gern ein wenig Gold von den Wänden abkratzen. Sie lacht laut.
Yumi Hosoda: Ich will Fliesen aus dem Thronsaal für mein Bad.
Isabel Dürr: Ich will Schlossgespenster treffen.
Paul Bucholz: Vor 20 Jahren sah ich es zum ersten Mal. Seitdem komme ich immer wieder hierher, setze mich auf eine Steinmauer und zeichne Neuschwanstein auf Postkarten. Am liebsten schaue ich es mir im Herbst von der Marienbrücke aus an. Dann ist alles in milchweißen Nebel gehüllt.
Robert Loveless: Ludwig war ein Genie, seiner Zeit voraus. In seinen Schlössern gab es Heizung, einen Fahrstuhl fürs Essen und ein Telefon. Hier hat er das Schloss gebaut und damit die perfekte Stelle auserkoren. Man sollte niemals fragen, warum und wie, sondern einfach nur staunen.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.