Ihr Rinderlein, kommet


Wenn am Ende des Sommers das Vieh aus den Bergen ins Dorf
zurückkehrt, wird im Allgäu groß gefeiert. Einheimische tanzen und trinken dann mit den Touristen, während die Hirten die stillen Helden geben

Die treibenden Kräfte des Bad Hindelanger Viehscheids: Herbert Martin und seine Helfer Albi Lipp, Sohn Michael und Andreas Wolf (v.l.) auf dem Weg ins Dorf

Die treibenden Kräfte des Bad Hindelanger Viehscheids: Herbert Martin und seine Helfer Albi Lipp, Sohn Michael und Andreas Wolf (v. l.) auf dem Weg ins Dorf

Es ist spät geworden, die Zwillinge können kaum noch die Augen offen halten. Herbert Martin sitzt im Schein einer schwachen Glühbirne am Tisch der Alphütte, die ihn heute Nacht beherbergt. Er raucht. Und trinkt: Bier aus der Flasche. Neben ihm sitzen die Hirtenbuben Klemens und Seraphin, 12, die ihm den Sommer über beim Hüten der Rinder geholfen haben. Draußen schluckt die Dunkelheit fast alle Geräusche. Nur das Geläut riesiger Schellen erklingt in einem müden Rhythmus. Martin hat seiner Herde den Festtagsschmuck angelegt. Morgen wird er die ihm anvertrauten 247 Tiere ins Dorf treiben, empfangen von Tausenden Schaulustigen. Ein Grund zum Feiern. Der bärtige Mann nimmt einen Schluck Bier und sagt: „Manchmal will ich nicht mehr. Aber ich muss.“

Die Hornbachalpe im Retterschwanger Tal liegt 1049 Meter über dem Meeresspiegel. Eine Forststraße führt Wanderer von Bad Hindelang in einer knappen Stunde zur Hütte. Von hier aus müssen Martin, Klemens, Seraphin und die Rinder nach Sonnenaufgang starten, zum Alpabtrieb, der im Allgäu Viehscheid heißt. Die Zuschauer werden schon um sechs Uhr die mit Kuhfladen befleckte Forststraße säumen, wie der Vater der Zwillinge. An der Wiese vor dem Dorfeingang, wo den drei schönsten Rindern der Herde ein Blumengesteck auf den Kopf gesetzt wird, werden bereits an die 100 Menschen stehen. Auf der Dorfwiese, dem Scheidplatz, sollen die Besitzer, Bauern aus Bad Hindelang, ihre Tiere möglichst vollzählig in Empfang nehmen. Es war ein guter Sommer, wenn kein Rind im Gebirge sein Leben ließ. Wenn Klemens und Seraphin um acht Uhr an der Spitze der Herde im Ort ankommen werden, dürften knapp 1000 Gäste und Einheimische auf sie warten. Auf dem Weg von der Alpe ins Dorf wird sich ein schlichtes Ritual in einen lärmenden Volksauflauf verwandelt haben.

Der Viehscheid ist das wichtigste Ereignis im Allgäuer Kalender. In den Gemeinden fällt es auf verschiedene Tage und markiert für die Ortsansässigen das Ende des Sommers. Es ist zwar kein offizieller Feiertag, doch die Kinder haben an diesem Tag schulfrei. Die Hirten kehren aus den Bergen zurück, weil das Vieh die Wiesen abgegrast hat und sich die Temperaturen nachts der Nullgradgrenze nähern. Wenn alle Tiere der Herde überlebt haben, schmückt der Hirte die sogenannten Kranzrinder als Symbol für die Gesundheit des heimkehrenden Viehs. Der Spiegel, der zwischen den Seidenblumen des Kopfschmucks blitzt, soll böse Geister abwehren. Für den Bauern, dem ein Kranzrind gehört, ist das eine große Ehre – auch wenn die Stars des Viehscheids die Hirten sind, weil sie die Rinder gehütet und geweidet haben.

Die Herde auf dem Weg zur Hornbachalpe, der letzten Station des Sommers

Die Herde auf dem Weg zur Hornbachalpe, der letzten Station des Sommers

Herbert Martin ist 54 Jahre alt und hat dieses Jahr den 31. Sommer auf der Alp verbracht. Er sucht Jahr für Jahr die besten Futterplätze für seine Herde und sieht seine Frau Gabi während des Alpsommers, der von Juni bis September dauert, nur zweimal pro Woche: dann, wenn die zierliche Dunkelhaarige Brot, Kaffee und frische Socken in den Rucksack packt und drei Stunden aufsteigt, zur Alpe Hasenegg auf 1680 Meter Höhe, wo das Vieh die würzigsten Kräuter und das frischeste Gras findet. Die Töchter Daniela, 21, und Julia, 18, kommen nur selten mit hinauf. Lange lebte Martin hier allein mit den Tieren, seit zwei Jahren sind ihm die Hirtenbuben Klemens und Seraphin eine große Hilfe und Freude.
Während die Dunkelheit vor dem Fenster immer dichter wird, macht sich in der Stube Melancholie breit. Es ist ein hartes Leben, auf das Martin zurückblickt.

Verantwortlich für mehr als 200 Tiere zu sein heißt auch, dass er manchmal den Richter spielen musste über Leben und Tod. Vielleicht haben die Momente, in denen er sein Jagdgewehr gebrauchen musste, ein paar der tiefen Furchen um seine strahlenden, blauen Augen gegraben. „Kein Mensch hat mich im Leben so zornig gemacht wie ein Rind“, sagt Martin und nimmt einen Schluck. Aber der Hirte ist kein verbitterter Mann. „Ich habe die Tiere immer geliebt“, sagt er.
Wo es heute Abend still ist, herrschte morgens Hochbetrieb. Klemens und Seraphin, Tochter Julia, der 26-jährige Albert „Albi“ Lipp und viele andere junge und alte Männer mit Bart, Karohemd und dreckigen Jeans haben die schläfrigen Rinder zusammengetrieben. Um ins Festtagsgewand zu schlüpfen, mussten die Tiere einzeln eine Art Flaschenhals passieren, wo ihnen die kleine Schelle abgenommen und eine große, bunt geschmückte angelegt wurde. Mit dem mehrere Kilo schweren Monstrum aus Schwarzblech um den Hals drehte manches Tier durch und raste davon. „Ho, ho, ho!“, schrie dann einer der Männer und schwang den Stock in der Hand.

Schöner Schmuck: Klemens mit Kranzrind

Aufwendig geschmückt: Klemens mit Kranzrind

Wer den Viehscheid verstehen will, muss in erster Linie wissen, dass ein feiner Unterschied zwischen Schellen und Glocken besteht und dass Jungrinder keine Kühe sind. „Eine Glocke wird gegossen, die Schelle aber geschmiedet. Die große ist für den Festtag reserviert“, erklärt Martin. „Und Kühe geben Milch“, ergänzt Albi. Die Tiere in Martins Herde sind alle weiblich, aber jung genug, um noch nicht gekalbt zu haben – also Jungrinder. Diese tragen eine Schelle, die Glocken sind den Kühen vorbehalten.

Ihre Arbeit nehmen Martin und seine Helfer ernst, und einer von ihnen fügt hinzu: „Das, was wir hier tun, ist ein Ritual. Es verbindet uns.“ Das erklärt, warum die Helfer um Punkt sieben Uhr zur Stelle waren und Albi sich von seinem Job in einer Getriebebaufirma extra freigenommen hat, um auch dieses Mal dabei sein zu können, wie seit sieben Jahren schon. Den Männern geht es um den Kasten Bier nach der Arbeit, um Gabis selbst gemachte Kässpatzen und darum, sich der Freundschaft zu vergewissern, indem sie gemeinsam etwas anpacken.

In der Stube der Hornbachalpe, die immer die erste und die letzte Station des Sommers ist, hat Herbert Martin in das Holz des Küchenschranks das Einzugsdatum jedes Jahres eingeritzt. 31 Einträge, keiner fehlt. Der gute Hirte zündet sich eine Zigarette an und zitiert Psalm 23: „Er weidet mich auf einer grünen Aue/Und führet mich zum frischen Wasser.“ Im Hirtenpsalm geht es darum, dass Gott für das Wohl des Menschen sorgt. Herbert Martin sagt, es sei seine Aufgabe, für sein Vieh da zu sein, es zu pflegen und am Leben zu halten. Und als gehörten die Zwillinge zu seiner Herde, blickt er Klemens und Seraphin an. Er glaubt, dass die Jungen einmal sehr profitieren werden von ihrer Zeit in den Bergen. Also versteht sich Martin auch als ein Hirte der Jugend, der sie im Fach Tradition unterrichtet. „Kopfrechnen ist wichtig“, solche Sachen sage er ihnen. Klemens und Seraphin seien der Beweis dafür, dass der moderne Mensch die Natur brauche, glaubt Martin – ohne dass man deswegen ein Leben wie vor 100 Jahren führen müsse. „Die Buben gehen beide aufs Gymnasium“, sagt ihr Hirte. „Das sind keine Hinterwäldler. Klemens will später einmal Pilot werden und Seraphin Chirurg. Und ich hoffe, dass sie das auch schaffen werden.“

Eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest herrscht oft beim Viehscheid: Ob Preuße oder Bayer - jeder trägt Tracht

Eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest herrscht oft beim Viehscheid: Ob Preuße oder Bayer – jeder trägt Tracht

Als die Buben in weißem Trachtenhemd, kurzer Lederhose und mit Adlerfeder am Hut neben der Rinderherde ins Dorf laufen, ziehen sie nicht nur an einer Menschenmenge vorbei. Sondern auch an Gasthöfen, die heute ab acht Uhr morgens Bier ausschenken, und an Dutzenden Buden, deren Besitzer Miniaturschellen, Wollpullover und Plastikpuppen verscherbeln wollen. Dass es ein langer Tag wird, ist jetzt schon klar. Mittags heben die Bad Hindelanger und ihre Gäste zu Oktoberfest-Hits Maßkrüge im Festzelt und in sämtlichen Biergärten der Umgebung. Bier schäumt, Bässe wummern, die Sonne brennt – und kaum einer der Anwesenden blickt im Lauf des Tages zu den Statisten des Volksfestes hinauf: den mächtigen Allgäuer Alpen, die heute teilnahmslos dem bunten, kommerziellen Treiben zusehen.

Am frühen Nachmittag, als alle 247 Rinder aus Martins Herde heimgekehrt sind zu ihren Bauern, sitzt ihr Hirte mit Gabi, Albi und den Zwillingen im Festzelt. Für die Jungs gibt es Apfelschorle, für Martin und Albi wieder Helles. Die Männer und die Jungen schweigen. Der Tag war bisher anstrengend, und dem Hirten steckt das kleine Gelage von gestern noch in den Knochen. Der Bürgermeister hält jetzt auf der Tribüne eine Rede. Stolz sagt er, dass es auf den Alpen des Allgäus gut 30 000 Rinder gebe und 40 Alpen in Bad Hindelang. Dass man Traditionen pflegen müsse und die Kulturlandschaft des Allgäus. Martin nimmt einen Schluck Bier und sieht nicht hin. Er werde heute sicher schon um neun daheim sein. „Wegen mir bräuchte es das alles nicht“, sagt er und beschreibt mit der Hand einen Kreis, der bedeuten soll: das Zelt, die Verkaufsstände, die vielen Gäste. Die Politik.

Was er wirklich braucht, wurde nirgends klarer als am Vorabend, in der letzten Nacht des Alpsommers. Martin saß in der Hornbachalpe, deren kleine Stube nicht leer, aber nur mit bescheidenen Dingen gefüllt ist. Ein Holzofen, angeschlagene Teller, ein Kruzifix in der Ecke. Kein Kühlschrank, kein Badezimmer. Meilenweit und jahrelang, so schien es, war Martin hier oben vom Festtagstrubel entfernt. „Das Einfachste ist das Wertvollste im Leben“, hatte er gesagt. Dann ging er schlafen. Und der Herbst begann.

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