Immer mit der Ruhe


Eine nicht ganz ernst gemeinte Kurzanleitung mit wertvollen Verhaltenstipps und Sprachübungen von Kabarettist und Allgäu-Kenner Maxi Schafroth

Maxi Schafroth, preisgekrönter Kabarettist aus Ottobeuren, schrieb für uns das Essay

Maxi Schafroth, preisgekrönter Kabarettist aus Ottobeuren, schrieb für uns dieses Essay

Sind sind sicher, dass Sie das wahrhafte Allgäu kennenlernen wollen, also kein geschöntes Touristen-Allgäu? Das wahre, von dem ich spreche, liegt nämlich an Orten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln unerreichbar und mit gewöhnlichen Pkws nur schwer zugänglich sind. Ich spreche von Dörfern mit grünen Ortsschildern, von wunderbaren Einöden jenseits des iPhone-3-G-Empfangs. Ich möchte Sie nicht auf eine Standard-Rollkofferreise durchs Allgäu schicken, die vermutlich selbst Studiosus längst im Programm hat. Nein, Sie sollen wieder heimfahren und zu Hause in Mettmann oder der Uckermark zu Freunden sagen: „Also das war schon exotisch da bei den Allgäuern, dagegen war die Ural-Überquerung mit dem Range Rover der reinste Club-Urlaub.“ Wenn Sie so was erleben wollen, dann bitte ich Sie jetzt, tief durchzuatmen und weiterzulesen. Sie müssen sich hineinfallen lassen in die Allgäuer Seele, am besten benehmen Sie sich wie ein Allgäuer, und wer, wenn nicht ich, könnte Ihnen dazu das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg geben.

Beginnen wir mit dem Eintritt in die Allgäuer Zeitzone: Kommen Sie aus einem eher urbanen Wohnumfeld und sind es gewohnt, dass öffentliche Verkehrsmittel im Zwei-Minuten-Takt verfügbar sind? Dann sollten Sie vor Ihrer Reise Ihr Zeit- und Geschwindigkeitsempfinden adjustieren. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass Sie bei der Abfahrt von der A 7 oder der A 96 in eine verlangsamte Zeitzone eintreten. Diese Umstellung vom unablässigen Vorwärtsstreben hin zum Verweilen im „Allgäuer Moment“ geht bei vielen Besuchern einher mit einem Zucken im rechten Fuß (Fuß bezeichnet im süddeutschen Raum alles hüftabwärts). Es ist verständlich, dass Ihr Fuß zuckt, denn Sie wollen Gas geben und weiterkommen, doch vor Ihnen fährt ein Fendt-Dieselross mit Vollgas, also 25 km / h, und ausgeklapptem Mähbalken. Stellen Sie sich darauf ein, dass hier alles länger dauert. Üben Sie sich in Gelassenheit. Lässt das Zucken in Ihrem Gasfuß nicht nach, dann fahren Sie Richtung Stephansried, dem Geburtsort des Wasserheilers Sebastian Kneipp. Versuchen Sie nicht, diesen Ort in Ihr Navigationssystem einzugeben, Stephansried wird nicht drin sein, und wenn, dann höchstens als Straße. In Stephansried befindet sich ein Kneipp’sches Wassertretbecken. Halten Sie den Gasfuß fünf Minuten hinein, und Sie werden sehen, es stellt sich eine innere Ruhe ein. Spätestens jetzt bemerken Sie, dass hier kein Bus vorbeifährt, erst recht nicht alle zwei Minuten. Bleiben Sie nun eine Stunde sitzen und blicken Sie ins Tal. Glückwunsch, Sie befinden sich in der Zeitzone Unterallgäu, das System-Reset Ihres Zeit- und Geschwindigkeitsempfindens war erfolgreich: Sie werden sich in den nächsten Tagen mehrmals dabei erwischen, wie Sie glücklich mit 40 km / h über eine Landstraße fahren und den Verbrauch Ihres Autos in ungeahnte Tiefen treiben. Sie haben eine wichtige Allgäuer Regel gelernt: Sparen durch Gelassenheit.
Wagen wir uns nun weiter vor und versuchen uns im Kontakt zu Nativespeakern. Am besten begeben wir uns an den Sonntagsstammtisch im Gasthof Bemmerl in Hawangen. Mit Breitcord-Hose und Strickpullover fallen wir dort nicht auf. Vermeiden Sie es, grelle Funktionsjacken oder sonstigen atmungsaktiven Nippes zu tragen, Sie würden sofort entlarvt. Möchten Sie gern direkt vors Wirtshaus fahren, tun Sie dies in einem unauffälligen 190er-Benz der Baujahre 1982 bis 1985 in Schilfgrün oder Lehmbraun, und Sie werden begrüßt wie ein Einheimischer, nämlich durch anerkennendes Kopfnicken. Lassen Sie sich nicht davon einschüchtern, dass Sie beim Betreten der Gaststube von mehreren Senior-Landwirten gemustert werden. Das argwöhnische Hervorblicken unter der Filzhutkante und eben dieses schweigende Kopfnicken bedeuten „Herzlich willkommen in unserer geselligen Runde“. Dass hier geschwiegen wird, hat nichts mit Ihnen zu tun, in der Regel wurde dort schon geschwiegen, bevor Sie da waren. Setzen Sie sich nun und freuen Sie sich, dass Sie für diese meditative Stimmung keine 7000 Kilometer nach Tibet geflogen sind. Wenn Sie mutig sind, können Sie es wagen, die Runde zu aktivieren, indem Sie ein Reizwort einwerfen, zum Beispiel „Milchpreis“. Wenn Sie Glück haben, könnten Sie in den Genuss einer Diskussion kommen, die jedes König-Ludwig-Musical in den Schatten stellt.

Bevor Sie jedoch selbst aktiv an einer solchen Diskussion teilnehmen, sollten Sie sich mit der Allgäuer Sprache beschäftigt haben. Hierbei sind die Konsonanten R und L besonders zu beleuchten. Das R ist zu rollen und darf lange und stark betont werden. Üben Sie dies mit dem Wort „Rübezahl“. Das L wird am Ende der leicht herausgestreckten Zunge gesprochen. Ein kleiner Übungssatz wäre „Lass m’r mei Ruah!“, was so viel bedeutet wie „Bitte belästigen Sie mich nicht!“. Sicher wollen Sie das erst einmal üben, bevor Sie damit unter Einheimische gehen. Dazu nehmen Sie Ihr Mobiltelefon und warten, bis sich eines dieser Callcenter von T-Mobile meldet. Sprechen Sie den Satz „Lass m’r mei Ruah!“ mit lautstarker Bestimmtheit in den Hörer. Legt die Dame vom Callcenter auf, ohne zu fragen, ob Sie mit der Beratung zufrieden waren, haben Sie die Prüfung bestanden. Es bietet sich natürlich auch an, zu Hause mit dem Partner zu üben. Schleudern Sie sich den Übungssatz „Lass m’r mei Ruah!“ in verschiedenen Lautstärken entgegen. Wenn Sie danach immer noch Lust haben, gemeinsam zu verreisen, wiederholen Sie die Übung. Kombinieren Sie dies mit einem Allgäuer Abendessen. Auch hier ist eine Eingewöhnungsphase angebracht, Ihr Magen dankt es Ihnen.

Nehmen Sie beim nächsten Einkauf kein Netz Zwiebeln, sondern einen ganzen Sack mit. Sie werden sehen, dass in Allgäuer Autos neben Warndreieck und Verbandkasten immer auch ein Zentner Zwiebeln liegt. Sehen Sie zu, dass der Sack in spätestens einer Woche verzehrt ist. Packen Sie Ihren Kindern einfach mal zwei rohe Zwiebeln als Pausensnack ein. Nach ein paar Tagen lösen sich viele Probleme von selbst. Ihre Kinder werden kräftiger und selbstbewusster, und wenn sie den Mund aufmachen, sind alle anderen still. Grundsätzlich gilt für die Allgäuer Küche: Man kann alles essen, was nach längerem Braten knusprig wird, sollte es nicht knusprig werden, wird es mit Käse überbacken.

Nach ein paar Tagen Allgäu werden Sie die innere Ruhe spüren. Es macht Ihnen nichts aus, dass Sie den Traktor nicht überholen können, denn Sie wollen gar nicht mehr überholen, und es macht Ihnen nichts aus, dass Sie kein Mobilfunknetz haben, denn Sie wollen gar nicht telefonieren. Aber irgendwann müssen Sie ja wieder zurück. Wie beschleunigen Sie sich also wieder? Suchen Sie eine Rinderweide auf. Irgendwo am Zaun befindet sich ein Weidezaun-Apparat. Schalten Sie ihn aus. Sobald das erste Rind die fehlende Elektrizität bemerkt hat, wird es ganz schnell gehen. Wenn Sie von heraneilenden Landwirten gefragt werden, ob Sie etwas mit dem Viehausbruch zu tun haben, antworten Sie mit „Ja“ und fügen hinzu: „Es war aber die Idee meiner Kinder.“ So wird auch der Rest Ihrer Familie die ursprüngliche Geschwindigkeit wiederfinden. Haben Sie noch Fragen? Zum Beispiel zur Resozialisierung Ihrer Kinder? Dann beantragen Sie noch heute die ADACPlusMitgliedschaft. Unter den ersten zehn Bewerbern wird ein Sack Zwiebeln verlost.

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