„New York musst du riechen und schmecken“


(Foto: Angelika Zinzow)

Dertour-Chef Michael Frese: „New York ist Europa relativ nahe“

Dertour-Chef Michael Frese war schon vielmals in New York. Hier verrät der Tourismus-Profi, wo Erstbesucher unbedingt hinmüssen – und was an den Hotels nerven kann.

Herr Frese, wenn Sie nach New York fahren, was gehört für Sie unbedingt in den Koffer?
Gute Schuhe, weil man diese Stadt zu Fuß erobern muss. Wer noch nie in New York war, braucht unbedingt auch einen Fotoapparat, denn die Stadt bietet so viele spannende Szenen.

Udo Jürgens singt: „Ich war noch niemals in New York“. Wie viele Deutsche waren wirklich noch nie dort?
Mit Dertour reisen jährlich ungefähr 100 000 Gäste nach New York oder kommen während einer Rundreise in die Stadt. New York steht bei vielen ganz oben auf der Liste, wird aber trotzdem meist ein unerfüllter Wunsch bleiben.

Manhattan gilt als laut, stressig und manchmal auch als gefährlich. Sieht so ein Traumurlaub aus?
Ich bezweifle, dass New York, was die Gefahren angeht, eine höhere Kriminalitätsrate hat als andere Großstädte dieser Welt. Was New York so attraktiv macht, ist die relative Nähe zu Europa. Man fliegt nur acht Stunden, und es gibt außergewöhnlich viele Flugverbindungen.

Was sollte sich jemand ansehen, der zum ersten Mal hinfährt?
Ich würde ihm empfehlen, mit der Staten Island Ferry nach Staten Island zu fahren. Da hat er schon mal kostenlos einen wunderschönen Blick vom Wasser auf die Skyline von Manhattan, und er kommt relativ nah an der Freiheitsstatue vorbei. Dann würde ich auf jeden Fall über die Brooklyn Bridge laufen. Denn von der anderen Seite habe ich auch einen fantastischen Blick auf Manhattan. Ich würde am Sonntag in den Central Park gehen. Die Leute spielen dort Baseball, und Sie können sogar von ihnen lernen, wie das funktioniert. Man sollte einmal die Fifth Avenue hoch- und runtergehen – und anschließend zum Sonnenuntergang ins River Café. Die Drinks sind dort zwar wahnwitzig teuer, aber wenn die Sonne über der Skyline untergeht, denkt jeder: Ich bin im Film.

Was haben Sie sich als New-York-Kenner zuletzt angesehen?
Den Gleason’s Gym, den Box-Club unterhalb der Brooklyn Bridge, in dem Cassius Clay trainiert hat. Zwei Frauen haben sich dort ganz schön was auf die Mütze gehauen. Das war keine Show, sondern Teil ihres Trainings. Für mich ist der Gleason’s Gym ein Geheimtipp. Er ist öffentlich zugänglich, kostet Eintritt, aber es lohnt sich. Einen Kaffee gibt’s da auch.

Wann waren Sie zum ersten Mal in New York?
Vor beinah 30 Jahren. Aber immer nur dienstlich. Einen halben Tag nehme ich mir aber meistens Zeit, und dann laufe ich einfach los. Privat war ich, ganz ehrlich gesagt, noch nie in New York.

Was würden Sie unternehmen, wenn Sie eine Woche Zeit für einen Privatbesuch hätten?
Ich würde mir Stadtteile ansehen, die ich noch nicht kenne. Ins Apollo Theater nach Harlem gehen. Ich würde mich viel mehr in Brooklyn Heights aufhalten. Ein wunderschöner Bezirk, der sich in den letzten Jahren enorm entwickelt hat. Das Schönste an New York ist, dass sich keiner als Tourist fühlt. Man taucht ein und wird dann selbst zum New Yorker.

Was würden Sie Erstbesuchern empfehlen – eine Pauschalreise oder eine individuelle Entdeckertour?
Natürlich gibt es Programme, bei denen der Gast geführt wird. Aber wer New York richtig erleben will, braucht seine eigene Zeit. Diese Stadt musst du riechen und schmecken. Anders ist es mit einer geführten Stadtteiltour, die am besten ein individuelles Programm nur ergänzen sollte. Eine Radtour mitzumachen ist sensationell.

Gibt es klassische Touristenfallen?
Ich würde nicht unbedingt eine Kamera direkt am Broadway kaufen. Ich habe das vor Jahren mal gemacht und danach festgestellt, dass ich das Zehnfache des regulären Preises bezahlt habe.

Wie viele Besucher reisen geschäftlich, wie viele als Urlauber in die USA?
Laut Einreiseformular sind 79 Prozent Touristen und 19 Prozent Business-Leute. Sofern niemand blufft, denn für Geschäftsreisen braucht man ein besonderes Visum.

Schreckt viele Touristen inzwischen dieses riesige Security-Aufgebot bei der Einreise ab?
Wir hatten zunächst auch diese Befürchtung. Aber unsere Gäste reisen genauso wie früher in die USA. Was ich bemerkt habe, ist, dass die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde freundlicher sind als früher.
Sind die New Yorker nach 9/11 und Börsencrash bescheidener geworden?
Insgesamt glaube ich, dass sich das Bewusstsein des „Wir sind die Größten, Schönsten, Besten“ etwas relativiert hat.

Wirken sich Schwankungen des Dollarkurses auch auf die Buchungen aus?
Das ist exakt so. Auch eine Stadt wie New York ist davon abhängig, wie teuer sie ist.

Es gibt ein Überangebot von Hotels in New York. Warum sind die meisten dann so irrsinnig teuer?
Das stimmt so nicht. Sie können heute im Stadtzentrum von New York bezahlbare Hotelzimmer für 70 oder 80 Euro pro Person und Nacht bekommen.

Was muss ich als Kunde dafür
in Kauf nehmen? Bettwanzen oder Kakerlaken?
Also, bei Gott nicht! Ich glaube nicht, dass New York, gemessen am internationalen Standard, teurer ist als andere Großstädte. Sie können bei uns eine Übernachtung für 1000 Euro buchen oder auch für 50 Euro im YMCA.

Ist eine Reise nach New York das ganze Jahr über gleich teuer?
Die kälteste Jahreszeit im Januar und Februar ist die günstigste. Am teuersten ist es zum Christmas-Shopping.

Wo lohnt der Einkauf in New York?
Es gibt zum Beispiel den OMG nahe der Canal Street, das ist einer der größten Jeansshops, die ich in meinem Leben gesehen habe. Bis in den Finanz-Distrikt und wieder hoch liegt ein Laden neben dem anderen. Wegen des riesigen Wettbewerbs sind die Angebote zwar nicht übermäßig teuer, aber ich glaube nicht, dass man in New York besonders preiswert kauft. Was zählt, ist das Bewusstsein: Ich habe meine Jeans in New York gekauft.

Wie hoch ist bei New York das Enttäuschungspotenzial?
Wenn Beschwerden kommen, dann insbesondere von Gästen, die in der mittleren Preiskategorie gebucht und etwa 100 Euro pro Person für ihre Unterkunft ausgegeben haben. Die erwarten manchmal ein größeres Zimmer. Doch Platz ist in New York rar. Es gibt häufig Zimmer ohne Ausblick. Und wenn man einen Ausblick hat, dann guckt man oft gegen die nächste Wand. Es lässt sich nicht immer das Fenster öffnen, und wenn es sich öffnen lässt, dann hören Sie die Abwinde der Klimaanlage durch die Röhre sausen. Wenn Sie Pech haben, wohnen Sie neben dem Fahrstuhl, und Sie hören die ganze Nacht über dieses Geräusch. Das ist so, denn das ist auch New York.

Was lieben Sie an New York?
Alle haben, noch bevor sie zum ersten Mal hinkommen, diese bekannte Kulisse vor Augen. Aber die Stadt live zu erleben ist einfach besser, als man es sich vorgestellt hat. Dieses Klack-Klack, Klack-Klack, wenn die Taxis über die Gullys fahren, ist absolut unverwechselbar. Dennoch möchte ich nicht in New York leben. Ich bin jemand, der morgens, wenn er aufwacht, rausguckt und einen Vogel zwitschern hören will. Und ich will es grün, will ein Fenster aufmachen können. Und das geht in New York nicht. Ich fahre immer wieder gern hin. Aber nicht länger als für drei, vier, fünf Tage. Dann bin ich froh, wenn ich wieder zu Hause bin.

Die Person:
Michael Frese, 61, ist seit 1996 für den Reiseveranstalter Dertour tätig und dort seit Januar 2010 Sprecher der Geschäftsführung. In der Funktion ist er für Dertour, Meier’s Weltreisen und ADAC Reisen verantwortlich.
Die Firma:
Dertour ist Marktführer für Reisen nach Nordamerika. Allein für

New York sind das 100.000 Gäste im Jahr, denen 142 verschiedene Hotels zur Auswahl stehen.

Interview: Margit Kohl, Mario Vigl

Foto: Angelika Zinzow

Advertisements

Eine Antwort zu “„New York musst du riechen und schmecken“

  1. Wow der Artikel spricht mir aus der Seele. Brookly Heights sind eine super Gegend. Wirklich empfehlenswert und auch die Tips für Erstbesucher sind toll. Genauso haben wir es auch gemacht. New York muss man auf eigene Faust erkunden. Ich hatte zwar 3 Reiseführerbücher dabei aber die waren alle 3 super hilfreich (einen Marc o Polo, einen für kIds und einen für „Fernseher“ mit sämtlichen Drehorten). Was man unbedingt in NY machen muss ist einen HOt Dog bei Grays Papaya essen und einmal auf der Treppe am Times Square frühstücken :-))