Die Seele des Südens


Wälder, Wein und warme Lehmböden – das Burgenland wirkt auf Schauspieler und Satiriker Lukas Resetarits wie ein guter Blues: langsam und intensiv.

Szene aus dem Film „Kottan ermittelt – Rien ne va plus“ Copyright: Thim Film/P.Domenigg

Herbst 1951. Ich war gerade vier, als ich das erste Mal Heimweh verspürte. Eine mir bis dahin unbekannte Gefühlsmischung aus Verlorenheit, Sehnsucht und et­was, was mir später als Blues vertraut war. Fernweh, Heimweh – in der Gefühlswelt des Burgenlandkroaten spielten die beiden gegensätzlichen Emotionen historisch eine große Rolle. Heimweh hatte ich nach meinem Burgenland, nach meinem kroatischen Geburts- und Heimatort Stinatz.

Mein Vater hatte beschlossen, nach Wien umzusiedeln. Als Bauarbeiter war er wie die meisten Stinatzer Männer in der Hauptstadt beschäftigt, da es im Südburgenland so gut wie keine Arbeitsplätze gab. Der Anteil der burgenländischen „Hackler“ am Wiederaufbau Wiens war enorm. Doch die Fahrt in die Hauptstadt nahm einen halben Tag in Anspruch: Fußmarsch in den Nachbarort Ollersdorf, Busfahrt nach Oberwart, Eisenbahn bis Friedberg (mit Zonengrenze zwischen russischen und bri­tischen Besatzern) und dann über Wiener Neustadt nach Wien, wo es vom zerbombten Südbahnhof direkt auf die Baustelle ging.

Wir zogen also nach Wien-Favoriten in den „Zehnten Hieb“, wie der Bezirk genannt wurde. Eine 1-Zimmer-Küche-Wohnung am Humboldtplatz war unser Zuhause. Rundherum Bombenruinen, die ich erst später als wunderbare und gefährliche Spiel­plätze zu schätzen lernte. Und: Ich konnte kein Wort Deutsch. Die Folge: Heimweh! Heimweh nach meinem Burgenland.

Die meisten Menschen in Österreich, ebenso wie fast alle Ur­lauber aus Deutschland, assoziieren mit Burgenland: Neusiedler See, flaches Land, ungarische Tiefebene, Puszta, den Norden des östlichsten Bundeslandes. Mein Burgenland beginnt südlich des Sieggrabener Bergs, wo die „Bucklige Welt“ ins Günser Bergland ausläuft und ins Oststeirische Hügelland übergeht.

Die geografische Wespentaille des Mittelburgenlands entstand nach dem Vertrag von Trianon: Das Gebiet um Ödenburg/Sopron, Teil Deutsch-Westungarns, war Österreich zugespro­chen worden, doch 1921 entschieden sich die Bewohner in einer Volksabstimmung für den Verbleib bei Ungarn.

Dieses Westungarn/Burgenland/Gradišće/Felsőőrvidék war ein kleiner Vielvölkerstaat. Deutsche Zuwanderer und Vertriebene aus dem Schwaben- und Frankenland, Magyaren und Kroa­ten, Juden und Roma bedienten sich eigener Idiome, verstanden aber auch die anderen Volksgruppen. Meine Großeltern waren ursprünglich ungarische Staatsbürger und sprachen neben Kro­atisch selbstverständlich Magyarisch und Deutsch. Wobei deut­sche Dialekte wie das Hoanzische und manch fränkische Mund­art des Burgenlanddeutschen vom ungeübten Zuhörer eher dem Usbekischen zugeordnet würden.

Schon bevor ich im Oktober 1947 im kroatischen Stinjaki/Sti­natz/Pásztorháza im Lehmhaus meiner Großeltern geboren wur­de, war ich durch die Landschaft geprägt. Im Mutterleib nimmt das Kind die Sprache, das Klima und, mit dem Gang der Mutter, die Topografie wahr. Der Säugling saugt Gerüche und Bilder in sich auf, und mit den ersten Schritten, barfuß auf dem warmen Lehmboden, vervollständigt sich die unschuldige Wahrnehmung von Heimat. Das sanfte Hügelland, von kleinen Bächen durch­flossen, die schmalen Äcker und die üppigen Feldraine, die mit ihrer Artenvielfalt das Herz des Naturfreunds wärmen.

Alles dort war „bio“. Dichte Wälder, reich an Pilzen und Hei­delbeeren. Dazwischen Streuobstwiesen mit Zwetschgen und al­ten Apfelsorten. Meine Großmutter backte daraus die köst­lichsten Strudel. Die Weinlaube im Hof war voller Trauben mit dicker, blauer Schale zum Auslutschen. Die Trauben, aus denen der berüchtigte Uhudler gekeltert wird, früher verboten und als „Rabiatperle“ beschimpft, werden heute geschätzt. Mein Opa war der Mann, der alles wusste und alles konnte. Vor allem Antwor­ten geben. Mit meinen Fragen war ich eine Herausforderung.

Den ganzen Essay von Lukas Resetarits lesen Sie im aktuellen Reisemagazin zum Burgenland ab Seite 68.

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